Rechtfertigungsgesellschaft II

Wann ist Kinder kriegen zu einer Glaubensfrage geworden?

Mein 17jähriger Schüler Jakob meinte kürzlich: mir geht das schon so auf die Nerven, andauernd muss ich meine Meinung sagen, in Deutsch, in Englisch, meine Meinung zu Gewalt, meine Meinung zu Facebook, meine Meinung zu Shoppen, meine Meinung zu Urlaub. Zur Deutschschularbeit war, wie könnte es anders sein, wieder seine Meinung gefragt. Und zwar zum Thema Kinder kriegen. Natürlich kann man sich mit 17 schon mal Gedanken darüber machen, va wenn man sexuell aktiv ist. Entgegen allgemeinen Vorurteilen sind das jedoch nicht ALLE 17jährigen. Und für die meisten, die es sind, ist die Hauptfrage: wie verhüte ich am besten und nicht: will ich, wenn ich erwachsen bin eine Familie gründen, wo ich jetzt noch nicht einmal weiß, ob ich nach dem Studium einen Job bekomme? Und überhaupt: haben sich unsere Eltern das JEMALS gefragt? Jemals? Warum wird es uns jetzt aufgezwungen darüber nachzudenken, und das bevor wir selbst erwachsen sind? War es so schlimm für unsere Eltern, dass sie sich die Frage nie stellten?

In allen Medien wird nichts, nicht einmal Sex, so extrem propagiert wie Familie. Wer würde denn die Frage mit „natürlich will ich Kinder“ beantworten, wenn die Medien die Wahrheit zeigten? Schlaflosigkeit, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Überforderung. Aus der Nahrungsaufnahme haben wir bereits Glaubensbewegungen erschaffen, mit Aus- u Abgrenzung und allem was dazu gehört – siehe Menschen, die ihr WLAN „VEGAN BASE“ (ja, in GROSSBUCHSTABEN) nennen (meine Nachbarn).

Die Diskussion übers Kinder kriegen..ich hab noch nie eine vernünftige Antwort bekommen auf die Frage „warum hast du Kinder bekommen?“ Der Favorit: „ich wollt nicht mehr egoistisch sein“

Aha, also „ich will ein Kind“ ist ja gar nicht egoistisch. Wenn du Barmherziges tun willst dann geh zur Caritas oder einem anderen wohltätigen Verein. Kinder kriegen um Gutes zu tun, das kauft dir keiner ab. Einigen war auch fad. „Naja, ich war vorher eh auf Weltreise u hab viel erlebt und dann hab ich mir gedacht das is vielleicht schön.“

Doch warum muss ich es denn überhaupt begründen? Und warum höre ich nie: „wir haben uns einfach geliebt. Und es drauf ankommen lassen.“ Und was wäre daran schlimm? Selbst wenn der Nachsatz „naja, zumindest dachte ich das“ lautet.

Einerseits wird uns vorgegaukelt das Glück sei nur durch Partnerschaft u Familie zu erreichen (vgl. nahezu sämtliche Pophits, u sonstige Hits sowie Werbung, Film u Fernsehen), andererseits muss ich alles was ich tue von vorne bis zum bitteren Ende durchdacht haben, begründen, 3x durchleuchten u ohne Rechtschreibfehler wiederholen uva unterschreiben damit es zählt. Nur dahinterstehen, das tut deshalb niemand.

Ja, sogar das Gegenteil ist der Fall: ich entbinde mich der Verantwortung indem ich sage: es war doch so gut durchdacht! Ich dachte…1000 rationelle Gründe…u dann kam es anders. Ups, na da kann ich aber jetzt nix dafür!

„Die eigene Frau..unterm Weihnachtsbaum..mim falschen Vornamen anreden.. das ist Freiheit!“

Josef Hader

Und außerdem
Was geht es denn die Lehrerin oder sonstjemand an, was er jetzt darüber denkt?

Und schließlich gehören 2 dazu, und damit gehören zu der Entscheidung 2. Und damit ist es fast nie nur eine Person allein, die sich die Frage stellt und es ist selbstverständlich abhängig von der anderen Person und nicht allein von mir, ob ich es mir vorstellen kann oder nicht.

Kategorisch ja oder nein zu sagen ist daher sinnbefreit. Überhaupt können die Frage sich nur Paare stellen. Die können die Frage meistens auch klar, schnell und eindeutig beantworten. Denn es ist ein Gefühl. Als Single ist man in einem Fall eh froh allein zu sein, daher nein, im anderen Fall wünscht man sich zunächst mal einen Partner. Als Single kann man höchstens grundsätzlich zu oder eher abgeneigt sein, aber „ja“ gibts ja nicht. Und selbst die Frauen, die sagen sie wollen unbedingt ein Kind suchen doch meistens erst einen Partner, obwohl ein Kind kriegen allein viel einfacher wär. Also auch „nein.“

Armer Jakob.